Reflexionen
"Karate-Spirit" – Ein Deutungsversuch
Beim Karate, oder besser: Karate-do, wird häufig von Spirit gesprochen. Zum einen ist mit diesem Begriff die individuelle Durchsetzungskraft im sportlichen Wettkampf (sog. fighting spirit) gemeint, wie man sie sicherlich auch in anderen Sportarten findet; fighting spirit ist daher zweifelsohne sowohl beim Kumite- als auch beim Kata-Shiai vonnöten. (Anmerkung: Auch in einer "realen" körperlichen Auseinandersetzung, einem "Straßenkampf", ist dieser fighting spirit - und damit eng zusammenhängend das Prinzip des sog. Ikken Hisatsu - von zentraler Bedeutung, doch soll der Selbstverteidigungsaspekt nicht im Mittelpunkt des vorliegenden Essays stehen.) Auf der anderen Seite kann Spirit aber noch weitaus mehr umfassen. Im Folgenden einige Überlegungen dazu:
- Ein Bestandteil des Karate-Spirits ist die Achtung der Etikette (z.B. Mokuso, Verbeugung, räumliche Ordnung in der Aufstellung usw.). Diese schafft einen Rahmen aus Respekt, Disziplin, aber auch ein angemessenes körperliches und psychisches Erregungsniveau (Achtsamkeit/ Konzentration). Neben den unbestreitbaren psychologischen Vorteilen (u.a. Aufmerksamkeitsregulation) lernen Karateka durch das bewusste Einhalten der Etikette, Verantwortung zu übernehmen: Für ihr eigenes Handeln ebenso wie für das Miteinander im Dojo. Respekt gegenüber Lehrern/ Trainern, Trainingspartnern und sich selbst soll jedoch keine bloße äußere Form, sondern vielmehr Ausdruck einer inneren Haltung sein. Letzen Endes soll die Etikette sowohl würdevolles Verhalten als auch die innere Einstellung fördern.
- Ebenso gehört zum Karate-Spirit die Entwicklung eines starken, gesunden Geistes ("mentale Stärke"). Das bedeutet u.a. Härte gegen sich selbst; Rückschläge, Niederlagen oder ggf. auch Schmerzen werden nicht umgangen, sondern überwunden, sie stellen daher wichtige Lern(-fort-)schritte dar. Anstatt zu jammern, zu murren oder die Schuld bei anderen oder bei äußeren Umständen zu suchen, lernt der Karateka, die Verantwortung bei sich selbst zu sehen und durch Niederlagen und Fehler zu wachsen. Gleichzeitig ist Geduld mit sich selbst unverzichtbar: Entwicklung benötigt grundsätzlich Zeit, jeder Fortschritt verläuft in seinem eigenen Rhythmus.
- Ernsthaftes, diszipliniertes, fleißiges und kontinuierliches Üben ("Beharrlichkeit") ist eine weitere Säule des Karate-Spirits. Fortschritt entsteht nur durch regelmäßiges und ernsthaftes Training. In diesem Zusammenhang steht auch das Prinzip des Shogai Karatedo, des stetigen Weitergehens. Kleinere Verletzungen, Müdigkeit, Unlust oder Rückschläge sollen den Karateka nicht aufhalten. Gemeint ist die innere Bereitschaft, sich Herausforderungen zu stellen und Entschlossenheit (auch bei widrigen Umständen) zu entwickeln.
- Grenzerfahrungen spielen im Karate ebenfalls eine wichtige Rolle. Intensives Kihon-, Kumite- oder Kata-Training, anspruchsvolle Wettkampf- oder Prüfungsvorbereitung, die Teilnahme an Trainingslagern (z.B. Kata-Spezial, Gasshuku), Techniken mit hoher Wiederholungszahl oder auch Makiwara- und Abhärtungstraining führen den Karateka an seine physischen und mentalen Grenzen; dergestalt wachsen die Willenskraft und das Selbstbewusstsein, d.h. das (realistische) Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ergänzend dazu haben auch meditative und „sanftere“ Übungsformen durchaus ihren Platz: Atemübungen, Dehn- und Entspannungsübungen beispielsweise können helfen, emotionale Ausgeglichenheit zu finden. (Der Karate-Spirit verlangt auch, im Laufe der Zeit, sein eigenes Maß zu entwickeln, zu wissen, wann man wie, d.h. mit welcher Intensität, trainiert, die eigenen Ressourcen sinnvoll einzuteilen und Alter sowie körperliche Verfassung, z.B. Verletzungen, zu berücksichtigen.)
- Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Gesundheit. Karate soll der Gesunderhaltung bzw. der Wiederherstellung der Gesundheit dienen. Körperliche und geistige Fitness sowie allgemeines Wohlbefinden sind bedeutsame Trainingsziele und bilden die Grundlagen für das Streben nach Verbesserung bzw. Leistung. Auch der "Teamgeist" spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle: Das sich Wohlfühlen im Dojo bzw. in der Trainingsgruppe ist eine nicht zu unterschätzende Gesundheits-als auch Leistungskomponente.
Letztlich zielt Karate darauf ab, Körper und Geist zu pflegen, zu kultivieren und in Harmonie zu bringen. Die Integration von physischer und mentaler Stärke sowie innerer Ruhe ist ein lebenslanger Prozess. Daraus erwächst auch der Anspruch an die Lebensführung, d.h. den persönlichen Lebensstil: So sollen die im Karate-Training erworbenen körperlichen Fähigkeiten und mentalen Fertigkeiten, und die daraus resultierende positive Lebenshaltung, nicht an der Tür des Dojos enden, sondern - ganz im Gegenteil - den Alltag prägen. Der Karate-Spirit soll somit eine "gelebte Haltung" darstellen. Auf diese Weise kann Karate tatsächlich zu Karate-DO - einem "Weg", einem lebensbegleitenden (Lern-) Prozess, ja, zu einer echten Lebensschule werden.
(Michael Niersberger)
